Georges Simenon – Genie und Exzess

„Célita sah die Neue als Erste. Um drei Uhr nachmittags hatte sie wie jeden Tag das Klingeln des Weckers gehört, der auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten stand, und in sich gerollt darauf gewartet, dass Marie-Lou den Alarm ausstellte, dann aufstand und die Läden öffnete, die vor dem Fenster hängenden Nylonhöschen und Büstenhalter einsammelte und schließlich in der Küche das Gas anzündete, um Kaffee zu kochen.“

„Striptease“ und Simenons einfacher Schreibstil

Der Anfang von Georges Simenons Roman „Striptease“ ist in seiner Schlichtheit kaum zu unterbieten und dennoch voller Magie. „Striptease“ gehört zu den aufsehenerregendsten literarischen Werken des belgischen Schriftstellers, der beinahe Gefahr lief, in Vergessenheit zu geraten. Célita, Stripteasetänzerin in Cannes, hat ihren Beruf satt. Um dieses Leben hinter sich zu lassen, will sie ihren Chef Léon dazu bringen, sie zu heiraten, obwohl der bereits vergeben ist. Léon liegt ihr zu Füßen, und sie scheint fast am Ziel, als plötzlich die junge Tänzerin Maud auftaucht. Mit ihrer vermeintlichen Naivität und Hilflosigkeit stiehlt die Neue allen die Show und erobert den Chef im Sturm. Er hat nur noch Augen für Maud, und Célita muss zusehen, wie ihr der perfekte Lebensplan aus den Händen gleitet.

Simenon wusste genau, wovon er schreibt, war doch auch seine eigene langjährige Ehe von lauter Affären und Nachtschwärmereien in düsteren Amüsiervierteln begleitet. Internationale Berühmtheit erlangte er 1929 mit der Erfindung des Kommissar Maigret, der das Genre des Kriminalromans maßgeblich prägte.

Seine Sätze wirken auf den ersten Blick oftmals auch im Original wie aus einem Schulaufsatz, gerade, schmucklos und manchmal sogar abgehackt. Doch bei wiederholtem Lesen spürt man das unglaubliche Talent Simenons, auch kleinste emotionale Schwingungen zu ertasten und Stimmungen in nur wenigen, kargen Worten bildgenau einzufangen. Nach eigenen Angaben beschränkte er sich dabei auf einen Umfang von nur 2.000 Wörtern. Zum Vergleich: Allein der Wortschatz der deutschen Sprache beläuft sich – beschränkt auf die bloß alltäglich verwendeten Wörter ­– auf rund 75.000!

Simenon hielt nicht viel vom Literaturbetrieb, er verachtete ihn sogar zutiefst. Obgleich Literaturwissenschaftler viele seiner Werke zur Trivialliteratur zählen, also zur Unterhaltung, genoss er zeit seines Lebens hohes Ansehen. Diese Abneigung gegen die „hohe Literatur“ zeigte er auch gezielt in seiner Wortwahl. Die blumig-metaphorische Sprache anderer Schriftsteller war ihm fremd, er verwandelte keine Wassertropfen in Perlen und auch keine Pflanzen in Gestalten. Vielmehr beherrschte er die hohe Kunst, Beschreibungen der Umgebung in die erzählende Handlung wie beiläufig einzubetten. So entstand ein Effekt der Gleichzeitigkeit, der den Leser unmittelbar einband und ihm langatmige Beschreibungen wie noch aus dem Realismus gefürchtet ersparte. Diesem Stil blieb er in all seinen fast 350 Romanen und Erzählungen sowie mehr als 1.000 Kurzgeschichten treu.

Geburt und Leben: Affären, Exzesse und Journalismus

1903 in Lüttich geboren, entstammte Georges Simenon einer alteingesessenen kleinbürgerlichen Familie, die nach dem frühen Tod des Vaters, ein Versicherungskaufmann, in der Armut endete. Sein jüngerer Bruder Christian fiel in Indochina als Fremdenlegionär, da er als Anhänger der faschistischen Bewegung in Belgien politisch verfolgt wurde. Das Verhältnis zur Mutter war bis zu ihrem Tod von starken Zweifeln durchzogen, er selbst definierte sich sogar als „einen Mann, der seine Mutter nicht mag“ und stellte sich damit bewusst als Antonym des bürgerlichen Mannes dar.

Schon früh war ihm die Spießigkeit und Hypermoral des Bürgertums zuwider. Schon mit zwölf Jahren machte er seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem älteren Mädchen und wechselte sogar die Schule, um in ihrer Nähe sein zu können. Noch bis ins höhere Alter umgab sich Simenon seitdem mit jungen Frauen und zahlreichen Geliebten. Die Affäre mit der Schülerin prägte sein gesamtes Verhältnis zu Frauen: Wie zu erwarten war seine Mutter keinesfalls mit den Umtrieben ihres Sohnes einverstanden, was zu neuerlichen Zerwürfnissen führte. Der jugendliche Georges begann daraufhin, zwei seiner großen Leidenschaften zu entdecken: Alkoholexzesse und Bordellbesuche.

Auch durch sein nur rudimentär vorhandenes Berufsleben zieht sich die Stringenz von Verlorenheit, Ablehnung und Langeweile. Seine Nebenjobs wurden ihm allesamt binnen kürzester Zeit gekündigt, erst als Journalist bekam er Gefallen an seiner Lohnarbeit, brachte ihm sein großes Talent nun doch auch Geld ein. Als Redakteur bei der Lütticher Lokalzeitung wurde der Chefredakteur Joseph Demarteau sein erster Förderer. Obgleich Simenon seine von frühester Jugend an begonnenen Eskapaden und Exzesse auch im Berufsleben weiterführte – so kam er mehrmals sowohl verspätet als auch betrunken zu Redaktionssitzungen –, behielt er die Unterstützung Demarteaus.

Der junge Journalist genoss bald hohes Ansehen, seine wöchentliche Kolumne wurde weit über die Stadtgrenzen hinaus gern gelesen. Politisch lässt sich Simenon am ehesten als Nationalanarchist charakterisieren, sowohl seine journalistische Arbeit als auch sein schriftstellerisches Werk aber blieben weitestgehend unpolitisch und viel mehr biografisch beeinflusst. Das katholisch-konservative Lüttich wird Simenon sicherlich geprägt und seine Ansichten geformt haben, sein unstetes und wildes Leben aber stand im krassen Gegensatz zu den bourgeoisen Werten. So schloss er sich, 1919 mit Künstlerkreisen in Kontakt gekommen, der anarchistischen Gruppe La Caque an, wo er nach einigen Jahren der Vielweiberei die Kunststudentin Regine Renchon kennenlernte. Allerdings fand er ihren Vornamen hässlich, sodass er sie kurzerhand in Tigy umtaufte.

Weiter für eine eher konservative Haltung Simenons spricht sein etwa einjähriger Militärdienst, den er nach einigen Monaten bereits aber wieder in der Heimat ableistete, um nebenbei schreiben zu können. Dies ist dahingehend eine Erwähnung wert, da die Militärzeit sowohl in seinem Werk als auch in seinen jüngst erschienenen Memoiren keinerlei nennenswerte Beachtung findet, sondern als reguläre Pflicht gesehen wird, die auch der noch so rebellische Georges als im Herzen Konservativer erfüllte.

Unmittelbar nach der Entlassung aus dem aktiven Dienst erhoffte er sich, in der Pariser Künstler- und Literatenszene der schillernden 20er Jahre Fuß zu fassen. Stattdessen aber geriet er in Kontakt mit der Action française, einer rechtsgerichteten Organisation mit damals noch weitreichendem Einfluss und verfasste für frivole Pariser Journale obszöne Geschichten. Die üblichen linken Zeitgeistler sehen darin eine Stringenz in Simenons Biografie des antibürgerlichen Rechtsextremen; wie gewohnt aber fanden dererlei Kritiken erst in jüngster Vergangenheit Platz in den Feuilletons der Mainstreammedien, nachdem der junge Kampa-Verlag erst im Herbst 2018 eine Gesamtausgabe von Simenons Werken in neuer deutscher Übersetzung herausgegeben hatte, was die Schreiberlinge von Spiegel, Zeit, taz und Konsorten erwartungsgemäß ihre Nasen in die Vergangenheit stecken ließ in der gierigen Hoffnung, politisch Anrüchiges aufzustöbern. Simenon selbst wäre das egal gewesen.

Von seinen Einnahmen kaufte er sich ein kleines Boot, mit dem er sommers durch die französischen Kanäle kreuzte und auf dem er die legendäre Figur des Kommissar Maigret ersonnen hatte: „Es war halb acht. Im Büro des Chefs hatte Maigret mit einem wohligen müden Seufzer, dem Seufzer eines massigen Mannes am Ende eines heißen Julitages, mechanisch seine Uhr aus der Westentasche gezogen.“ So beginnt Simenon seine 1947 entstandene Erzählung „Maigrets Pfeife“, in der Kommissar Maigret am Quai des Orfèvres seine Lieblingspfeife abhanden kommt und der Autor schlagartig berühmt wird – und reich.

In der Figur des Maigret findet sich auch ohne große biografische Kenntnis des Autors eindeutig ebendieser wieder. Maigret ist zwar Polizeikommissar, verfolgt diesen Beruf jedoch öfter auch nachlässig, da er nach Dienst den gleichen Lastern wie sein Erfinder verfällt und mit ihm auch altert. Eines Tages verliert Maigret das Interesse an wechselnden Frauen und beschließt, den Geschlechtsverkehr sein zu lassen und nur noch zu saufen.

Die einfache, oftmals vulgäre Sprache Simenons und seine expliziten Schilderungen sexueller Handlungen sind aber nur Fassade einer in Wirklichkeit enormen psychologischen Kenntnis menschlicher Beziehungen, die Simenon vor dem Hintergrund seiner beinahe dystopischen Skepsis ihnen gegenüber seziert. Heutige Feministinnen kreischen dem Belgier zwar primitive Altmännerphantasien nach und versuchen, seinen Werken ein schmuddeliges Image anhaften zu lassen, lassen dabei aber die überaus empathische Art Simenons außer Acht, mit der er sich in jede seiner Figuren und ihre Seelenleben hinein versetzte.

Umzug in die USA, Rückkehr nach Europa und Tod

Als Simenon aber seine Wohnsitze teilweise in die USA verlegte, fühlte er sich noch fremder als in seiner Heimat. Die Prüderie entsprach seiner Freizeitgestaltung ebenso wenig wie die ablehnende Haltung Alkohol gegenüber. „In Amerika lernte ich mich schämen“, soll er einer seiner Lebensgefährtinnen gestanden haben, nachdem er in einer Bar in New York betrunken in die regennasse Gosse gestürzt sei.

Nach mehreren suffbedingten Abstürzen, die äußerste Abscheu der amerikanischen Gesellschaft hervorriefen, entschied sich Simenon, der kurz zuvor noch darüber nachgedacht hatte, sogar die Staatsbürgerschaft anzunehmen, zur spontanen Rückkehr nach Europa. Hier hatte er keinerlei Pläne, was er mit sich anfangen sollte, dafür aber enorme familiäre Probleme. Durch seine ständigen Affären und Puffbesuche war die Ehe zerrüttet, beide betranken sich beinahe täglich, verprügelten sich gegenseitig und blieben nur aus Gewohnheit zusammen und auch wegen des 1959 geborenen Sohnes.

Seiner letzten Frau Denise gab er die Schuld am Suizid seiner Tochter Marie, der er sein letztes Buch widmete, bevor er 1989 nach schwerer Krankheit gelähmt verstarb. Georges Simenon, dessen Werk jetzt erstmalig komplett übersetzt ist, war mit einem Jahresverdienst von umgerechnet drei Millionen Euro der reichste Schriftsteller der Welt, zweifelsohne ein Trunkenbold und Hurenbock, dessen rüde Fassade aber einen zutiefst feinsinnigen, mitfühlenden und verletzlichen Mann versteckt.

Aktuelle Beiträge

Newsletter

I am text block. Click edit button to change this text. Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper matti pibus leo.

Über uns

Fördern

Inhalte